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Drei Wanderer gegen Chávez; Ein letzter Versuch für Venezuela

Bei Andreas Ross

Politik; Politik; S. 3 | ENGENHAHN, im Mai. Das Venezuela, an das die drei Wanderer sich gern erinnern, ist ein Land der Möglichkeiten. "Dem Fleißigen standen alle Türen offen", sagt Patricia Wegenast. 1959 kam sie in Kolumbien zur Welt und gelangte mit 16 Jahren nach Venezuela, weil ihre Mutter vor dem Konservatismus der kolumbianischen Oberschicht floh und sich im Nachbarland als Sekretärin ein neues Leben aufbaute. 1988 kam Patricia Wegenast als Studentin nach Mainz, nun lebt sie mit ihrem deutschen Ehemann und drei Kindern in Engenhahn im Taunus.

"So viele Möglichkeiten wie in Venezuela gab es nirgends", sagt auch Mohamad Merhi, der 1952 im Libanon geboren wurde, Geologie studierte und erst nach Stationen in Saudi-Arabien, Ägypten, mehreren europäischen Ländern und den Niederländischen Antillen 1976 in das südamerikanische Land kam, wo er in verschiedenen Branchen als Unternehmer reüssierte. Im Bundesstaat Bolívar besitzt er Schürfrechte in vier Diamantenminen.

Selbst Aleksandr Boyd, geboren 1969 in Caracas und damit der einzige gebürtige Venezolaner in der Runde, schwärmt von den achtziger und neunziger Jahren in seinem Heimatland, obwohl er es dort nicht leicht hatte: Mit 16 Jahren Vollwaise, schlug er sich als Minenarbeiter, Packer, Verkäufer, Mechaniker und Touristenführer durch. Im Jahr 2000 aber wanderte er aus und begann sein neues Leben in London als Hotelpage. Inzwischen importiert Boyd Lebensmittel aus Südamerika.

Es ist nicht die Wanderlust, die das Trio zusammenschweißt und bewog, innerhalb von zehn Tagen von Wiesbaden nach Brüssel zu laufen. Es ist ihr Kampf gegen Präsident Hugo Chávez, der zugleich ein Kampf gegen ihr Ohnmachtsgefühl ist, gegen den Populisten und seine "bolivarianische Revolution" nicht viel ausrichten zu können. "Es ist ein ungleicher Kampf", seufzt Merhi: "Als Chávez 1998 an die Macht kam, konnte er ein Barrel Rohöl für neun Dollar verkaufen. Jetzt bekommt er 55 Dollar dafür. Was können wir dem entgegensetzen?"

Im Dezember will Chávez sich für weitere sechs Jahre wählen lassen, aber wie die Opposition im Land glauben die drei nicht an eine faire Abstimmung. In Brüssel wollen sie Abgeordnete des Europäischen Parlaments und Beamte der EU-Kommission ersuchen, Wahlbeobachter nach Venezuela zu schicken. Wird aber ein Protestmarsch mit drei Teilnehmern die Politiker beeindrucken? "Wir hoffen es", sagt Aleksandr Boyd. "Mehr ging nicht", ergänzt Patricia Wegenast. Die meisten Venezolaner in Deutschland könnten sich eine Teilnahme schon finanziell nicht leisten, sagt sie. Einige hätten ein bißchen Geld gespendet - unter der Bedingung, daß ihre Namen geheim bleiben. Auch vier von fünf EU-Abgeordneten, die den Empfang der Delegation versprochen haben, wollten ungenannt bleiben, sagt Frau Wegenast.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin versagt sich Heimatbesuche seit zwei Jahren, weil ihre Kinder beim letzten Mal in Venezuela auf der Straße als "Oligarchen" beschimpft wurden, wahrscheinlich ihrer hellen Hautfarbe wegen. In Deutschland betreibt sie einen Internet-Blog, in dem sie gegen Chávez wettert. Immerhin genügten diese Nadelstiche, um den venezolanischen Generalkonsul in Frankfurt einen seitenlangen Brief veröffentlichen zu lassen, in dem er Patricia Wegenast als vaterlandsfeindliche Lügnerin und "finstere Gestalt" darstellt.

Noch größere Wirkung erzielt Aleksandr Boyd mit seiner englischsprachigen Internetseite vcrisis.com, auf der er Informationen und Gerüchte über die venezolanische Regierung und ihre Menschenrechtsverletzungen zusammenträgt. Das meiste erfahre er "über Freunde und Bekannte", sagt Boyd. Die Seite werde in Venezuela von vielen gelesen - eine Reise in die Heimat würde Boyd deshalb nicht wagen. Die Stärke des Feindes bekam er unlängst gar in London zu spüren, wo Chávez vor zwei Wochen vom linken Bürgermeister Ken Livingstone empfangen wurde. Der konservative Oppositionsführer Bob Neill wollte Boyd und andere Chávez-Gegner an diesem Tag empfangen, doch Livingstone persönlich verbot ihnen den Zutritt ins Gebäude des Stadtparlaments. Zwei Tage später bezeichnete der Bürgermeister den Bürgerrechtler öffentlich als "Unterstützter eines Terrorismus gegen die venezolanische Demokratie". "Weil ich eine Internetseite betreibe", sagt Boyd und zückt, ganz wie sein Feind Chávez es gern tut, ein kleines blaues Büchlein aus der Hosentasche: die venezolanische Verfassung. Boyd liest Artikel 350 vor, der die Venezolaner verpflichtet, jedem Regime die Anerkennung zu verweigern, das demokratische Werte und Menschenrechte mißachte. "Ich tue nur meine Pflicht", sagt der Aktivist.

Alle drei waren vor Chávez' Zeiten politisch nicht aktiv, und auch heute würden sie sich kaum auf eine Partei einigen können. Daß Boyd zugibt, er habe sich über Chávez' Wahlsieg und dessen vorherigen Putschversuch gefreut, kann Patricia Wegenast schwer ertragen: "Was mit Waffengewalt beginnt, kann niemals recht sein", ruft sie dazwischen, als Boyd schildert, wie er Chávez zujubelte - "weil ich hoffte, er würde wenigstens zehn Prozent seiner Versprechungen erfüllen". Merhi gibt zwar zu, der Vierten Republik keine Träne nachgeweint zu haben, als Chávez gewann, denn die Korruption habe ihn als Unternehmer viel Geld gekostet. Doch will er Chávez von Anbeginn als "antisozial" erkannt haben. Zu Recht habe Chávez freilich die Einnahmen aus dem Ölgeschäft vergrößert, denn zu wenig habe Venezuela zuvor von seinem eigenen Reichtum profitiert.

Für Patricia Wegenast gaben die Gespräche mit ihren Angehörigen in Venezuela den Ausschlag, gegen Chávez zu kämpfen. Boyd echauffierte sich 2002 über einen Besuch des Venezolaners in Oxford, wo der Putschist von einst über Menschenrechte reden sollte, und begann damals mit seiner Internetseite. Das bitterste Motiv für politisches Engagement schildert aber Mohamad Merhi, der am 11. April 2002 mit seinem 18 Jahre alten Sohn und Millionen anderen Venezolanern in Caracas gegen Chávez demonstrierte. Dabei wurde sein Sohn mit einem Kopfschuß getötet. Merhi zeigt ein Farbfoto in einem neuen Buch, "Die Kugeln vom April" heißt es. "Das sind die Mörder meines Sohnes", sagt er. Zu sehen sind Männer mit T-Shirts, Baseballkappen und Revolvern.

"Damals begann ein neues Kapitel in meinem Leben", sagt Merhi. Er zog sich aus dem Management seiner Minen zurück und nimmt damit in Kauf, daß seine korrupten Verwalter ihm nur noch einen Bruchteil der Einkünfte überweisen. Er richtete sich ein Büro in Caracas ein, gründete die Opferorganisation Vive, machte seine Telefonnummer bekannt und streitet seither vor in- und ausländischen Gerichten für Gerechtigkeit. "Am Tag bevor ich losflog nach Deutschland", erzählt Merhi, "bekam ich wieder so einen typischen Anruf von einer Frau, die ich nie gesehen habe. Die ,bolivarianischen Zirkel' von Chávez hatten ihren Bruder totgeprügelt, nur weil er sich kritisch über die Regierung geäußert hat. So etwas höre ich ständig."

Die Opposition in Venezuela tue, was sie könne, sagen die drei, und sie reagieren aufgebracht, wenn die Rede auf deren "Boykott" der Parlamentswahl im Dezember 2005 kommt. Eine Wahl, die keine sei, könne gar nicht boykottiert werden, finden sie. Die EU, auf die sie auch am Montag alle Hoffnung und Kräfte richteten, während sie bei Aachen die Grenze überschritten, hatte damals freilich nicht der Wahlbehörde große Versäumnisse bescheinigt, sondern das politische Konfrontationsklima insgesamt gerügt, zu dem auch die Opposition beigetragen habe. Hohe Beamte in Brüssel bezweifeln dennoch, daß die venezolanische Regierung noch einmal europäische Wahlbeobachter einladen wird. Das aber ist die Voraussetzung für einen Einsatz. "Für mich ist das hier der letzte Versuch zu verhindern, daß Venezuela eine totalitäre Diktatur wird wie Kuba", sagt Mohamad Merhi. "Viel Hoffnung habe ich nicht."

Source Frankfurter Allgemeine Zeitung



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