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Chavez träumt von Groß-Kolumbien

von Hildegard Stausberg

Berlin - Die Beziehungen zwischen Washington und Venezuela verschlechtern sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Wichtigster Auslöser für das abgrundtiefe Mißtrauen, daß die Amerikaner für den seit Anfang 1999 immer diktatorischer herrschenden Präsidenten Hugo Chávez hegen, ist seine völlig unverschleiert betriebene militärische Aufrüstung. Deren spektakulärster Höhepunkt war bisher der angekündigte Kauf von 100 000 russischen AK-47 Sturmgewehren, die auch von den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens" (FARC) benutzt werden, sowie der Verkauf von zehn spanischen Militärtransportern und acht Patrouillenboote. Die US-Regierung versuchte vergeblich, den spanischen Regierungschef Zapatero von diesem Geschäft abzuhalten: Zapatero bekräftigte allerdings, der Erhalt von 600 Arbeitsplätzen in der spanischen Werftindustrie gehe vor.

Nun hat Chavez auch noch angekündigt, mit dem Iran eine Zusammenarbeit im Bereich der Nuklearenergie zu suchen. Bei Lateinamerikareisen hatten vor kurzem sowohl der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wie auch Außenministerin Condoleezza Rice vergeblich für mehr regionales Engagement gegen Hugo Chávez geworben. Rice besuchte Brasilien, Kolumbien, Chile und El Salvador - die letzten "Bastionen" der in der Region traditionell verhaßten "Gringos". Deren Ansehen hat sich unter US-Präsident George W. Bush dramatisch verschlechtert: Die Mehrheit der Latinos lehnte den zweiten Irakkrieg ab. In der Region fühlt man sich außerdem nach dem 11. September von Washington vernachlässigt. Nur Mexiko spielt für die Amerikaner als Mitgliedsland des 1994 in Kraft getretenen nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta in einer "besseren" Liga. Aber wie würden sich die Beziehungen entwickeln, sollte bei den Präsidentschaftswahlen Mitte nächsten Jahres der Linkspopulist Andrés Manuel Lopez Obrador gewinnen?

Bei der Finanzierung seiner Sozialprogramme steht Chávez jedenfalls Pate, denn Lopez Obrador kopiert ungeniert dessen verantwortungslosen Umgang mit Steuergeldern. Das marode staatliche Erdölmonopol Pemex will Lopez Obrador nicht einmal teilprivatisieren, womit die Leistungskapazität in wenigen Jahren zum Erliegen kommen wird: Mexikos Stellung als - nach Kanada - zweitwichtigster amerikanischer Öllieferant wäre gefährdet.

Lange haben die Amerikaner - und nicht nur sie - den beständigen Bezug von Chávez auf Simon Bolivar, den venezolanischen Freiheitshelden, der in ganz Lateinamerika als "Libertador", als Befreier vom spanischen Kolonialjoch gefeiert wird, eher ignoriert. Hugo Chávez wiederum lenkte dadurch geschickt ab von seinem systematischen Weg in die linkspopulistische Diktatur.

Mittlerweile bekräftigt Venezuelas Präsident aber immer deutlicher, was ihm mit der Umsetzung seiner "Bolivarianischen Revolution" langfristig vorschwebt: die Wiedererschaffung von Groß-Kolumbien, also jenem riesigen Raum zwischen Venezuela bis Bolivien, den der Libertador zwar von Spanien befreite, aber dessen Zusammenfügung als einheitliches Staatsgebilde ihm entglitt. Chávez hat die in Lateinamerika immer latent vorhandene Rassenfrage zu einem wichtigen Angelpunkt seiner Politik gemacht. So baute er etwa systematisch Beziehungen auf zu afro-amerikanischen Verbänden in den USA. Außerdem unterstützt er die indianischen Bewegungen in den Andenländern, allen voran in Bolivien.

Unbehagen löste in den Vereinigten Staaten auch der erste südamerikanisch- arabische Gipfel aus. Zwar hatte Brasilien dieses Treffen organisiert und erhoffte sich davon sowohl außenpolitischen Rückenwind wie auch mehr wirtschaftspolitische Chancen im arabischen Raum. Die Latinos unterstützten dann aber - befördert durch die lautstarken antiamerikanischen Parolen von Chávez - die Forderungen der arabischen Liga in der Palästinafrage vorbehaltlos: Washingtons Bedenken wurden ignoriert.

Amerikanische Sicherheitsexperten warnen seit langem schon vor möglichen Kontakten zwischen islamistischen und lateinamerikanischen Terroristen. Dabei haben die Amerikaner vor allem die kolumbianische FARC-Guerilla im Visier, der bisher erst Kontakte zur Eta nachgewiesen werden konnte und deren Finanzierung über das Drogengeschäft absolut gesichert ist.

In Kolumbien könnte sich das Schicksal des ganzen Kontinents entscheiden: Die Vereinigten Staaten unterstützen die Regierung des konservativen Präsidenten Alvaro Uribe durch den "Plan Colombia", Chávez hilft der FARC. Die meisten Nachbarländer versuchen sich bisher politisch "weg zu ducken", um nicht vom Wellenschlag dieses Konfliktes erfaßt zu werden.

Das war bisher auch die Position der Europäischen Unionr. Zwar gibt Brüssel Geld aus für allerlei Sozialprogramme, aber eine klare, eindeutige Stellungnahme für Uribes Kampf blieb aus. Durch die spanischen Waffenlieferungen driftet Europa nun aber im chavistischen Kampf um "Großkolumbien" in Richtung einer Position, die entschieden anti-amerikanisch ist.

Gerade in der Bundesregierung sollten deshalb die Alarmglocken klingen: Deutschland hat in der Region als drittwichtigster Investor hinter Washington und Madrid eigene Interessen und braucht sich nicht von den Spaniern ins Schlepptau nehmen lassen. Ihre selbst gesuchte Rolle als Fürsprecher Europas in Lateinamerika haben sie im Übrigen durch ihre Waffenkäufe an Chávez bis auf weiteres verwirkt.

Längst wissen übrigens auch deutsche Sicherheitsdienste, daß die Angst vor Chávez kein amerikanisches Hirngespinst ist, sondern durchaus berechtigt ist: Hinter vorgehaltener Hand kritisiert man schon lange die Blauäugigkeit der Bundesregierung im Umgang mit Hugo Chavez und seinem Regime.

Artikel erschienen am Mi, 15. Juni 2005



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